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Von wilden Pferden, kapitalen Hirschen und Hechten im Karpfenteich.

Dülmener Geschichten



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Dülmener Geschichten
Wanderer kommst Du nach Dülmen, dann kannst Du viel erzählen. Erzählen möchte ich Ihnen heute von einem prächtigen Wildpark, einer großartigen Teichlandschaft und den wilden Pferden vom Merfelder Bruch. Alle drei Dinge haben miteinander zu tun und sind eng verbunden mit dem Namen derer von Croÿ.

Das Adelsgeschlecht der Herzöge von Croÿ ist in ganz Europa ansässig. Im Jahre 1803 siedelte sich ein Teil der französischen Linie im westfälischen Dülmen an, wo sie ab 1830 das Dülmener Schloss errichteten und 1836 das Haus Merfeld erwarben. Das Dülmener Schloss wurde in Frühjahr 1945 bei einem allierten Bombenangriff zerstört. Amerikanische Bergepanzer schoben dann eine breite Schneise durch den Schlosspark und beseitigten die Reste des Schlosses. Das Schloss wurde nicht wieder aufgebaut. Die Familie lebt seit dem im Haus Merfeld. Die alte Adresse, Schlosspark 1, ist heute die Adresse der „Herzog von Croÿ’schen Verwaltung“. Von hier aus steuert der 51-Jährige Erbprinz Rudolf von Croÿ die unternehmerischen Aktivitäten des Hauses, zu denen auch die im Familienbesitz befindlichen Teichgüter, der Wildpark und die Wildpferdebahn Merfelder Bruch gehören. Alle Teiche, von denen der Größte eine Wasserfläche von über 30 ha hat, wurden vom Großvater des Erbprinzen künstlich angelegt. Das Teichgut hat eine Gesamtfläche von 360 ha. In den naturnah angelegten Teichen werden Karpfen, Schleie, Aale, Zander und Hechte gezüchtet, die an die Gastronomie und an Privatkunden verkauft werden. Neben den Speisefischen werden hier aber auch bedrohte Arten gezüchtet und aufgezogen und in Flüssen und Seen wieder ausgesetzt. Zu diesen Arten zählen Moderlieschen, Bitterlinge und Gründlinge. Für die Fischereivereine kommen noch Besatzfische hinzu. Alle Fische wachsen in großen, nicht überbesetzten Teichen nahezu natürlich auf. Zugefüttert wird ausschließlich mit Getreide. Das keine Wachstumsbeschleuniger verwendet werden, ist selbstverständlich und sei hier nur vollständigkeitshalber erwähnt.
Da die Teiche künstlich angelegt wurden, wird der Wasserstand über ein System von Zu- und Ableitungsgräben mit Wehren und Schleusen gesteuert, damit der Wasserstand möglichst konstant bleibt und bei starkem Regen die umliegenden Wiesen und Felder der Bauern nicht überflutet werden. Über das ganze Teichsystem wacht seit vielen Jahren Fischmeister Dieter Schwarten. Über Dieter Schwarten können Privatpersonen, Gastronomen und Fischereivereine die Fische beziehen. Der Verkauf erfolgt direkt an den Hälteranlagen.

Der Wildpark
Der gesamte Wildpark ist ein Baudenkmal und umfasst ein Areal von 280 ha. Damwild und Heidschnucken leben hier in Rudeln und Herden in nahezu freier Wildbahn. Vereinzelt lebt auch Rotwild im Park. Die Parkanlage wurde ab dem Jahre 1864 im Auftrag des Herzogs von dem bekannten englischen Landschaftsarchitekten E. Miller geplant. Im Park wechseln sich Buchen, Eichen und Mischwälder ab, die immer wieder unterbrochen sind von großen Wiesen und Weiden. Vereinzelt trifft man auf große, mächtige alte Baumsolitäre. Kleine Tümpel und Teiche lockern hier und da die Landschaft auf. Die gesamte Parkanlage wird heute noch so bewirtschaftet und gepflegt wie vor 140 Jahren. Der Wildpark ist komplett eingezäunt. Innerhalb des Parks gibt es keine Zäune. Der Park ist über drei Tore für Besucher jederzeit frei und kostenlos zugänglich. Besonders wohltuend: Kein Kiosk, kein Eiswagen, kein Souvenir-Shop. Hier kann der Bürger noch auf langen Spaziergängen entspannen und die Natur genießen. Besonders lohnend ist ein Besuch in den frühen Morgenstunden, wenn der Nebel noch über den Wiesen wabert und sich langsam lichtet. Zu dieser Zeit sind keine Besucher im Park. Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, einen einzelnen mächtigen Hirsch oder einige Rehe in aller Ruhe beim Äsen zu beobachten. Das Damwild ist wesentlich zutraulicher, so dass man sich diesen Tieren oftmals bis auf wenige Meter nähern kann. Ausdrücklich möchte ich an dieser Stelle jedoch darauf hinweisen, sich vorsichtig und zurückhaltend zu verhalten. Der Wildpark ist kein Zoo, die Tiere haben hier Vorrecht – und das wissen diese auch. Bleiben Sie auf den Wegen und genießen Sie Landschaft und Tiere in aller Ruhe aus dem gebührenden Abstand. Herr Rövekamp ist der zuständige Förster für den Wildpark. Bei ihm kann auch Wildfleisch bestellt und gekauft werden. Nach den ungezählten Gammelfleischskandalen erfreuen sich die Fleischprodukte aus dem Wildpark einer steigenden Nachfrage. Wurden früher nur ganze Stücke (ganze Tiere) angeboten, so wird das Fleisch heute portioniert, vakuumiert und im Kühlhaus gelagert. Zerlegt wird das Fleisch von einem beauftragten Metzger. Angeboten wird das Fleisch nur im Herbst und Winter. Die gepflegte Gastronomie der Region kauft hier gerne ihr Fleisch für die Wildsaison ein.

Eine Herde wilder Pferde
Die wilden Pferde im Merfelder Bruch sind ein einzigartiges Naturdenkmal und seit Jahrzehnten weit über die Grenzen Westfalens und Deutschlands hinaus bekannt. Die Wildpferdebahn ist heute die letzte ihrer Art auf dem europäischen Kontinent. Vor annähernd 200 Jahren gab es noch ca. sieben Wildpferdebahnen in Europa. Die Wildpferde vom Merfelder Bruch leben hier schon seit „Urzeiten“. Bereits in einer Urkunde des Jahres 1316 werden die Wildpferde erstmals erwähnt, an denen die Herren von Merfeld ein Recht hatten. Die Herzöge von Croÿ wollten diese einzigartige Herde vor dem Aussterben retten und schufen ihnen vor ca. 150 Jahren (als neue Eigentümer des Hauses Merfeld) ein heute 350 ha großes Reservat. Sie retteten damit das Überleben der Herde, das durch die fortschreitenden Parzellierung und Kultivierung des Landes stark gefährdet war. In der Wildpferdebahn leben durchschnittlich 300 Wildlinge. Bis auf einige eingezäunte Wiesenflächen, auf denen im Sommer das Heu für die Winterfütterung gewonnen wird, können die Pferde in diesem Naturschutzgebiet vollkommen frei lebend der Futtersuche nachgehen. Die Tiere sind sich selbst überlassen, folgen Ihren Instinkten und kommen mit der Witterung und dem Nahrungsangebot auf ihrem Lebensraum gut zurecht.
Das 350 ha (3,5 km²) große Reservat besteht zu 45 % aus Wald, 45 % aus Weiden und 10 % aus Wegen, Wassergräben und der Arena. Die Waldflächen dienen den Tieren als Schutzwald. Die Altholzbestände beherbergen interessante Lebensgemeinschaften wie Grün-, Bunt- und Schwarzspechte; in deren ausgedienten Nisthöhlen leben Käuze und Marder.
Die Wildpferdebahn ist ein Naturschutzgebiet und gemeinsam mit der Herde ein Naturdenkmal. Das oberste Ziel des Naturschutzes ist die Arterhaltung des Dülmener Wildpferdes. Dazu gehört neben der Zucht mit Primitivrassen (primitiv i.& S. v. ursprünglich) vor allem der Erhalt des vielfältigen Biotops. Den Dülmener Wildpferden bleibt als Primitivrasse das ursprüngliche Erbgut erhalten. Vielleicht wird es eines Tages notwendig sein, das überzüchtete Erbgut der Hauspferdbestände mit dem Erbgut einer natürlichen Rasse „aufzubessern“.

100 Jahre Wildpferdefang
Eine besondere Attraktion ist alljährlich am letzten Samstag im Mai der traditionelle Wildpferdefang. Bis zu 20.000 Besucher strömen dann zur Arena und verfolgen, wie die einjährigen Hengste per Hand und ohne Hilfsmittel aus der Herde herausgefangen und anschließend versteigert werden. Die zähen, intelligenten und charakterfesten Tiere sind als Freizeitpferde sehr beliebt. Stuten werden nicht veräußert. Sie, in der Wildbahn geboren, beenden auch hier (in meist sehr hohem Alter) ihr Leben. Nach dem Abfangen der kleinen Hengste wird ein Deckhengst eingesetzt, der bis zum Herbst bei den Stuten den Fortbestand der Herde sichert. Diesem nur einmal im Jahr stattfindenden Auftrieb geht eine ca. 14 tägige Aufbauphase voraus. Hier arbeitet Erbprinz von Croÿ gerne mit einheimischen Vereinen und Verbänden zusammen, die wie er es nennt, über eine „Hierarchie und Logistikstruktur“ verfügen. So zahlt er lieber den örtlichen Institutionen ein Entgelt, als professionellen Sicherheitsdiensten und Eventveranstaltern. Naturgemäß ist das vor allem die freiwillige Feuerwehr und das Rote Kreuz. Für die ca. 20.000 Besucher müssen 800 transportable Toilettenhäuser aufgestellt werden, Weiden werden zu Parkplätzen umfunktioniert, Gefahrenwege für Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei müssen ausgewiesen und abgesperrt werden. Die Arena muss hergerichtet werden. Nicht zu vergessen, gibt es hier keine Strom- und Wasseranschlüsse. Für die eintägige Veranstaltung ist schon eine bemerkenswerte Logistik und vor allem viel Auf- und Abbauarbeit notwendig. An dem Tag werden ca. 40 Junghengste versteigert. Diese erzielen einen Durchschnittspreis von 500 Euro. Hinzu kommen die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern. Von diesen Einnahmen müssen sämtliche Ausgaben für die Veranstaltung und das ganze übrige Jahr gedeckt werden. Das Reservat muss gepflegt (Zäune, Wege) und beaufsichtigt werden.
Die Wildpferdebahn ist heute ein Naturschutzgebiet mit der Herde als Naturdenkmal. Die bekanntlich strengen Auflagen lassen eine wirtschaftliche Nutzung nur bedingt zu. Betriebswirtschaftlich sind da kaum Gewinne zu erzielen. Die Familie derer von Croÿ stellt sich hier der sozialen und traditionellen Aufgabe der Arterhaltung und Landschaftspflege. Das Geld muss die Familie woanders verdienen – aber das war nicht Thema dieser kleinen Geschichte.