Flamingos im Zwillbrocker Venn

Das Zwillbrocker Venn befindet sich im nordöstlichsten Teil des Münsterlandes und ist teilweise nur 200 Meter von der niederländischen Grenze entfernt. Das Kirchdorf Zwillbrock ist ein Ortsteil von Vreden im Kreis Borken. Fast fußläufig zu erreichen ist die Biologische Station Zwillbrock. Das Venn ist ein Wald-, Moor- und Feuchtwiesengebiet und umfasst eine Fläche von 185 Hektar. Es ist als Vogelschutzgebiet ausgewiesen und vereinzelte Teile stehen bereits seit 1938 unter Naturschutz. Das Zwillbrocker Venn gilt mit einer Population von ca. 16 000 Tieren als größte binnenländische Lachmöwenkolonie und nördlichster Brutplatz von Flamingos weltweit.

Interessant nicht nur für Vogelkundler

Interessant nicht nur für Vogelkundler

Flamingos im Münsterland? Für uns ein Grund den rund 50 Flamingos und den ca. 100 weiteren Vogelarten einen Besuch abzustatten. Die Landschaft ist ideal für ausgedehnte Wanderungen – Informationen dazu finden Sie auch leicht online. Als Start- und Zielort bietet sich die Biologische Station Zwillbrock an. Den Flachwassersee des Venns umgibt ein ca. 5,8 Kilometer langer Rundweg, sodass man den See und die Vogelkolonien von allen Seiten betrachten kann. Wir meldeten uns Anfang Juni 2016 zu einer geführten Exkursion bei der Biologischen Station an. Es war einer dieser Sonntage nach den teils verheerenden Frühjahrsunwettern. Zwillbrock war weitestgehend davon verschont geblieben und uns erwartete bestes Sommerwetter bei Temperaturen um 30 °C. An der Station trafen sich 12 Naturfreunde, die teils von sehr weit angereist waren, um das Naturschauspiel „Flamingos“ aus nächster Nähe zu beobachten. Bevor wir uns auf den Weg machten, erfolgte eine kurze Einweisung des Biologen Dr. Thomas Behrens über die verschiedenen Flamingoarten und den Beginn ihrer Ansiedlung im Zwillbrocker Venn. Dr. Behrens übernahm dann auch die Führung der Besuchergruppe.

Für den Besuch des Zwillbrocker Venn ist eine geführte Tour nicht unbedingt vorgeschrieben, aber bestimmt sehr sinnvoll. Man erhält vom Vogelwart eine Menge zusätzlicher Informationen, die auf keinem Werbeflyer zu finden sind. Für diejenigen Besucher, die das Venn auf eigene Faust erkunden wollen, sei gesagt, dass man die ausgewiesenen Wege auf gar keinen Fall verlassen darf.
Der Weg zur Vogelinsel führte natürlich über die gekennzeichneten Wege aber auch über einige verschlungene Pfade. Es ging direkt durch das Unterholz und über die in Mooren obligatorischen Holzwege.

Die ehemalige Minoritenkirche Zwillbrock

Die ehemalige Minoritenkirche Zwillbrock

Nur einige Meter von der Biologischen Station entfernt, befindet sich die ehemalige Minoritenkirche Zwillbrock – ein Juwel des Barocks und Bestandteil des 1811 aufgehobenen und später abgerissenen Klosters Zwillbrock. Die Kirche wird zu den Gottesdiensten sehr gerne auch von Menschen aus den Niederlanden besucht.

Auf dem weiteren Weg passierten wir einige Wiesen, auf denen Galloway-Rinder grasten. Diese Wiesen, die vor vielen Jahren noch bearbeitete Ackerflächen waren, dienen als Puffer vor Menschen und Lärm zwischen besiedelten Gebieten und den tierischen Vennbewohnern. Auch die Heidelandschaft mit ihren Moorschnucken gehört zum Landschaftsbild des Zwillbrocker Venns. Die Biologische Station unterhält die Schäferei Moorhof mit einer Moorschnuckenherde zur Pflege der Moor- und Heideflächen. Alle zwei Jahre wandert die Herde nach Zwillbrock zur Pflege der dortigen Heideflächen.

Die münsterländischen Chileflamingos

Die münsterländischen Chileflamingos

An dem Beobachtungsstand angekommen, waren wir gespannt, was uns wohl erwarten würde. Im Beobachtungsstand wurden die Luken geöffnet und vor uns lag die Vogelinsel. Die Besucher waren natürlich mit Ferngläsern und Kameras ausgerüstet, um das Geschehen möglichst detailliert beobachten zu können. Mir fielen zuerst die vielen tausend Lachmöwen auf, die sich auf der Insel und in der Luft befanden. Nach den Flamingos musste man schon ganz gezielt Ausschau halten. Schließlich erblickte ich einige Paare und Kleingruppen (drei bis vier Tiere). Nun bin ich kein Vogelkundler und kann die einzelnen Arten aus der Entfernung optisch nicht unterscheiden. Von den ca. 40 Tieren besteht die größte Gruppe aus Chileflamingos (ca. 28 Tiere), gefolgt von den Großen Flamingos und einem Karibischen Flamingo. Zum ersten Mal beobachtet wurden Flamingos im Venn in den 1970er Jahren. 1982 waren es sechs Chileflamingos. Ab 1983 gab es dann auch die ersten Bruterfolge.

Woher kommen die Flamingos im Zwillbrocker Venn? 1978 / 79 traten im Südwesten der Niederlande 40 Chileflamingos auf. Aus dieser Gruppe könnten einige auch das Zwillbrocker Venn erreicht haben. Es ist auch nicht auszuschließen, dass einige Flamingos entflohene Exemplare aus Privathaltung sind. Die Herkunft der anderen Arten bleibt unbekannt. Die Großen Flamingos könnten auch aus Südeuropa oder Kasachstan zugewandert sein.

Das Klima macht den Tieren keine großen Schwierigkeiten. Nahrung ist für die Flamingos im Sommer in ausreichenden, ja üppigen Mengen vorhanden. Durch die große Lachmöwenkolonie gibt es genug Nährstoffe. Die Flamingos ernähren sich von Plankton, das sie durch ihren fächerförmigen Schnabel filtern, und von Kleinkrebsen. Die Kleinkrebse sind auch für die rosa Farbe der Flamingos verantwortlich. Wenn das Futterangebot im Winter abnimmt, wandern sie in das südwestliche Holland zum Überwintern aus. Beim Beobachten der Vogelinsel fällt mir der lange Zaun an der rechten Seite auf. In der Vergangenheit machte sich in trockenen Sommern der Fuchs durch den teils ausgetrockneten See auf zur Vogelinsel und dezimierte dort die Flamingobestände. Der Zaun hat sich dagegen als sehr wirksames Mittel erwiesen.

Wer auf dieses einzigartige Vogelschutzparadies im Nordwesten des Münsterlandes neugierig geworden ist, plant seinen Besuch dort am besten von Anfang Mai bis Mitte Juni. Geführte Touren können Sie in der Biologischen Station Zwillbrock anmelden. Ansonsten festes Schuhwerk, Fernglas und Kamera einpacken und los geht’s.

Weitere Informationen:
www.bszwillbrock.de