Heute verrät uns Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg seinen Lieblingsplatz, an dem er am besten entspannen und sich erholen kann. Prof. Dr. Dr. Sternberg ist u.a. Landtagsabgeordneter in NRW, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und Honorar-Professor für Kunst und Liturgie an der westfälischen Wilhelm-Universität in Münster. Gerade wenn man ein so viel beschäftigter Mensch wie Thomas Sternberg ist, weiß man es besonders zu schätzen, wenn man „seinen“ Lieblingsort hat.

Plätze, an denen ich mich wohlfühle, wo ich auftanken und wieder zu mir selbst finden kann, gibt es in Münster und dem Münsterland in großer Zahl. Da gibt es den Dom mit seiner Geschichte, das wunderbar erneuerte westfälische Landesmuseum, den Aasee und viele andere mehr. Einen greife ich heraus. Mein Lieblingsplatz steht in Reihe 8 mit der Nummer 266 in einem Haus an der Neubrückenstraße neben der Martinikirche. Es ist ein violetter Sessel, nicht allzu bequem, wenn man sehr lange ruhig dort sitzt, aber Ort von Erlebnissen für Auge und Ohr. Viele wunderbare Stunden habe ich hier oder auf einem seiner vielen Nachbarstühle erlebt.

Musiktheater, Schauspiele, Tanz – fast jeden Abend kommen Besucher hierher, weit mehr als ins leider noch marode Fußballstadion. Und da es die Stadt noch nicht geschafft hat, ihr Konzerthaus wieder aufzubauen, ist hier immer noch der Ort für die wunderbaren Konzerte des Sinfonieorchesters Münster mit seinem Maestro Fabrizio Ventura, die der trockenen Akustik trotzen.
Wie die Universität und anderes in Münster verdankt sich das Theater den Reformen aus den letzten Jahrzehnten des Fürstbistums, kurz vor der französischen Revolution und den kirchlichen Enteignungen in Deutschland. Albert Lortzing war von 1826 bis 1833 hier engagiert. Im ehemaligen Adelshof der Rombergs an der Neubrückenstraße entstand dann 1890 das „Lortzing-Theater“, das 51 Jahre später im Krieg den Bombardierungen zum Opfer fiel. So wichtig war den Münsteranern dieses Theater, dass man in der völlig kriegszerstörten Stadt 1950 den Beschluss zum Wiederaufbau fasste. Und eine ganze Stadt und ihre Region sammelten für den Bau. Weit weg scheint in heutigen Debatten um Kulturfinanzierung deren Motto „Theater tut Not“.
Am 4. Oktober 1956 wurde mit der Zauberflöte von Mozart der Spielbetrieb in einem Haus aufgenommen, das zu den Schlüsselbauten der Nachkriegsmoderne gehört. Vier junge Architekten entwarfen zeitgleich mit den rekonstruierenden Neubauten des Prinzipalmarkts ein Haus, das damals seinesgleichen suchte: modern, funktional, offen, freundlich und einladend. So steht es noch heute und zitiert den alten Rombergschen Hof nur noch mit einer Ruine im Pausenhof.
2016_lieblingsplatz_02Theater und Konzert kann man nicht durch noch so gute Konserven ersetzen: je digitaler alles in der Welt wird, umso wichtiger wird das Erlebnis des Echten und des Leibhaftigen. Im Theater setze ich mich dem Erleben aus: lerne Neues und Vertrautes, erlebe Ungewohntes und Bekanntes; genieße, ärgere mich, versuche zu verstehen, denke nach, überlasse mich meinen Gefühlen, Empfindungen und Gedanken. Das ist mehr als jeder Spaß, es macht das Leben reicher und ist entspannend anders als der Alltag.
Und so hat das Kunsterleben auch wieder etwas zu tun mit meiner Profession, denn dieses Übersteigen des Alltäglichen, die Erweiterung des Geistes auf etwas, das wir nicht begreifen, das nennt man in der Theologie Transzendenz.

Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg